Kübra Gümüşay im Reallabor Zukunft

Sprache, Imagination und Verantwortung neu denken

Im Rahmen unseres dritten Labs zur Frage „Wie antizipieren wir Zukünfte – und wie messen wir Wirkung?“ hat uns Kübra Gümüşay mit einem kraftvollen Impulsvortrag beschenkt. Ihr Beitrag war mehr als ein Vortrag – er war eine Einladung, unser Denken über Sprache, Sichtbarkeit, Verantwortung und Wirkung radikal zu hinterfragen und neu auszurichten.

Mit ihrer feinen Beobachtungsgabe und analytischen Tiefe öffnete Kübra einen Raum, in dem wir den Zusammenhang zwischen Sprache, Macht und gesellschaftlicher Transformation anders sehen konnten. Sie machte deutlich: Die Art, wie wir über Zukunft sprechen, bestimmt mit, welche Zukünfte wir für möglich halten – und welche ausgeschlossen bleiben.

Besonders eindrücklich war ihr Plädoyer für eine gerechtere Verteilung von Imagination – und für die Anerkennung jener Perspektiven, die in hegemonialen Zukunftsnarrativen oft systematisch unsichtbar gemacht werden.

In ihrem Impuls teilte sie folgenden Text, der tief in uns nachhallt:

„Die Zukunftsvision eines Elon Musk, nämlich einen alternativen Planeten zu bewohnen, wird als Utopie verkauft und mit Milliarden überhäuft, aber die Utopie anderer, in einer abolitionistischen Zukunft zu leben, ohne Gefängnisse, Polizei und Grenzen, wird als dystopische Zukunftsvision kriminalisiert und marginalisiert. Seine Zukunftsvisionen werden als begrüßenswert und wünschenswert erachtet, dabei sind sie Dystopien, die Vernichtung für große Teile unserer Weltbevölkerung bedeuten würden

Seine Zukunftsvision wird mit Einfluss in der Öffentlichkeit belohnt, und wer wird marginalisiert und kriminalisiert? Und dann ist auch die Frage, wer hat überhaupt das Privileg, sich zu wundern, ob man das anders gestalten könnte?

Wer besitzt in unserer Gesellschaft das Privileg, nicht mit Überleben beschäftigt zu sein, sondern mit dem Leben in einer Zukunft, die noch nicht einmal da ist? Wer besitzt das Privileg zu träumen, alternative Utopien imaginieren zu dürfen? Wir sind in einem Kampf der Imagination, schreibt die afroamerikanische Autorin Adrienne Maree Brown. Trayvon Martin, Mike Brown und Breonna Taylor und so viele andere, sagt sie, sind tot, weil sie in der Vorstellung einer weißen Imagination gefährlich waren.

Wir leben also in einem Kampf um Imagination und Vorstellungen und um Zukunftsvisionen. Wer hat die Gesellschaft, in der wir heute leben, so wie sie ist und funktioniert, eigentlich erfunden und erdacht? In wessen Zukunftsvision leben wir? Und wie sehen alternative Träume, Imagination, Wünsche und Zukünfte aus?

Viel zu wenige derer, die über unsere Zukunft diskutieren und unsere Wahrnehmung dominieren, wissen, was das bedeutet, nicht über das Wochenende, das Monatsende, den nächsten Tag, den nächsten körperlichen Angriff, das nächste Attentat, den nächsten rassistischen Übergriff, den nächsten Krieg hinaus denken zu dürfen.

Dabei sind es diese Menschen, es ist ihr Wissen, was es braucht, um tatsächlich wünschenswerte Zukünfte überhaupt diskutieren zu können. In dem Moment, in dem wir beginnen, die Welt zu gestalten, stören wir. In dem Moment, in dem wir die Werkzeuge, die in unseren Händen liegen, anwenden, stören wir. In dem Moment, in dem wir unsere Kraft zu sehen, zu hören, zu bewegen, zu berühren, zu verändern, nicht nur erkennen, sondern auch nutzen, stören wir.Wer hat sich diese Welt erträumt? In wessen Imagination leben wir? Was sind unsere Imaginationen?
Wie können wir diese Imagination zur Sprache tragen, in Räume tragen, in die Wirklichkeit tragen, erproben und vielleicht realisieren, dass sie in der Praxis vielleicht etwas anders sein müsste, als wir sie uns erträumt haben, um dann daraus zu lernen, weiter zu träumen?

Heute tauchen Sie, tauchen wir alle ein in eine Welt der Imagination. Heute nehmen wir uns allem trotzend das Privileg heraus, zu träumen, zu imaginieren, was nicht ist, aber sein könnte.

Und wie bell hooks sagt: What we cannot imagine cannot come into being.“

Kübra’s Impuls hat unser Lab in die Tiefe geführt – und viele Teilnehmende nachhaltig inspiriert, Bewertungen zu hinterfragen und neue Formen der Wirksamkeit zu entdecken.

Wir sagen danke für diese wertvolle Perspektive – und nehmen viele Impulse mit auf unsere weitere Reise in Richtung regenerativer Zukünfte!

Fotocredit: Stefanie Loos / re:publica – Session «Wer hat das Privileg über die Zukunft nachzudenken?», Kübra Gümüşay & Anna Dushime, re:publica 23 – Tag 2 (Berlin, 6. Juni 2023), via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 2.0