Innenleben, Zyklen und Kreativität mit Dr. Ele Jansen

 

LIFE IS ALWAYS IN TRANSITION. IT TRANSFORMS US EVERY MOMENT.

SOMETIMES WE SEEK THAT CHANGE. SOMETIMES WE RESIST.

SOMETIMES WE’RE IN CONNECTION. SOMETIMES WE’RE LOST.

OURS IS A DANCE WITH THE FORCES OF LIFE, BRINGING TO LIGHT WHAT’S IN THE DARK.

Dr. Ele Jansen

 

Im Rahmen des Labs zur inneren Arbeit im Reallabor Zukunft teilte Ele Jansen eine Keynote zum Thema „Innenleben: Zyklus und Kreativität“. Darin erinnerte sie, dass Kreativität eine menschliche Ur-Eigenschaft ist und nicht das Talent einiger weniger, wie es manchmal angenommen wird.

Ele teilte wie kreative Prozesse mit Resilienz, Nachhaltigkeit und innerer Entwicklung verwoben sind. Damit einher geht ihr Versuch Muster sichtbar zu machen, die sich im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen ähneln.

Wir haben mit Ele gesprochen und hier die Essenzen des Gesprächs für euch festgehalten:

 

Innenleben und Kreativität als Grundlage heutiger Arbeit 

 

In ihrer Arbeit als transdisziplinäre Anthropologin und Dozentin – aktuell an der Leuphana Universität – erkannte Ele, dass das, was heute unter „New Work“ oder „Future of Work“ diskutiert wird, im Kern ein künstlerischer Ansatz des Arbeitens ist. Für sie ist Kreativität dabei keine Kür, sondern die Grundlage für Lebendigkeit. Und es ist ein zentrales Muster des Lebens. Ele ist von Mustern fasziniert. Sie tauchen im kreativen Prozess, in innerer Entwicklung, in ökologischen Zusammenhängen und im gesellschaftlichen Wandel auf.

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sie das Conscious Cycle Kit – ein Kartenset, das Resilienz, Nachhaltigkeit und persönlichem Wachstum miteinander verbindet und den kreativen Prozess sichtbar macht. Diese Verbindung macht für sie sichtbar, wie eng Innen und Außen miteinander verwoben sind. Lange hörte sie aus spirituellen Kontexten, dass das Innere sich im Äußeren spiegelt, konnte es jedoch nicht praktisch greifen. Erst über Muster wurde dies konkret: bestimmte Prozesse folgen bestimmten Dynamiken und Prinzipien, auch wenn sie nicht sofort sichtbar sind. Wie Fraktale und Holons, die ineinander verwoben und vernetzt sind.

In Mustern zu denken ist bei uns unüblich, daher entgehen sie uns häufig. Dabei ermöglichen gerade sie ein tieferes Verständnis. Aus diesem Grund bleiben Ele’s Vorträge bewusst abstrakt. Beispiele können hilfreich sein, lenken jedoch oft zurück auf Fakten oder Details und verdecken den Blick auf das zugrunde liegende Muster.

 

Das Reallabor als experimenteller Forschungsraum

 

Für das Reallabor Zukunft bedeutet diese Perspektive vor allem eines: Wandelfreude.

Ele versteht das Reallabor als kreativen Forschungsraum, in dem Wandel nicht erklärt, sondern erprobt wird. Jede Anleitung, die zum Forschen einlädt, ist für sie ein Schritt in Richtung Wandel. Es geht nicht um Regelwerke oder fertige Lösungen, sondern um das Spielen mit Wachstum, Kreativität und offenen Prozessen; und darum, den Umgang mit Nichtwissen und Komplexität zu kultivieren.

 

Zwischen Kunst, Unternehmertum und Emergenz

 

Ele beschreibt ihre Rolle als transdisziplinäre Vermittlerin. Sie nutzt künstlerische Prozesse, um Studierenden im Business-Kontext Erfahrungswissen aus organischer, lebendiger Praxis zugänglich zu machen. Ihre Arbeit speist sich aus Solo-Selbstständigkeit, Start-up- und Community-Forschung. Sie ermutigt ihre Studierenden, ihr Eigenes zu entwickeln und gemeinsam etwas entstehen zu lassen, dessen Form sich erst im Prozess zeigt.

Die Spannung zwischen der verwaltenden, messenden Welt – aus der ein Großteil von Finanzierung kommt und lebendigen, kreativen Prozessen beschreibt Ele als zentrales Lernfeld. Ihr ist bewusst, dass Förderlogiken und institutionelle Strukturen klare Ziele, Rollen und Fokus verlangen. Genau hier liegt für sie der Seiltanz zwischen der fokussierten Welt und der organischen Welt.

Organisches Wachsen braucht Zeit, Lauschen und die Bereitschaft, nicht alles strategisch festzulegen. Wie kann also Planbarkeit für Bürokratie und Wirtschaft eingewoben werden, ohne das Organische zu vernachlässigen? Diese und viele Fragen begleiten den heutigen Paradigmenwechsel: wie klommen wir von einer linearen, wettbewerbsorientierten Logik hin zu einer zyklischen, relationalen und lebendigen Logik? Nicht als Entweder-oder, sondern als Miteinander beider Pole.

Im Conscious Cycle Kit zeigt sich dieses Pendel des Wandels durch Yin und Yang Phasen: Yang steht für Fokus, Aktivität und Zielorientierung (Wettbewerb ist möglich). Yin steht für Empfangen, Reflektieren und Sinnieren (Beziehung ist möglich).

 

Freiheit, Werte und das Pendel des Wandels

 

Historisch wollte sich die Wirtschaft aus Bürokratie befreien. In der neoliberalen Bewegung schwang das Pendel stark in Richtung Freiheit, mit deutlichen Schattenseiten. Freiheit ohne Werte begünstigt Narzissmus, Wettbewerb und ein permanentes „höher, schneller, weiter“.

Problematisch wird es nun, weil Wettbewerb nur Sinn ergibt, wenn es gemeinsame Spielregeln gibt. In der komplexen Moderne stehen die bekannten Regeln allerdings in Frage. Kommt dann die Frage “überleben” hinzu, wird Kooperation zur relevanten Antidote des Wettbewerbs. Zusammenwirken geht allerdings nicht mit oberflächlichen Banden, sondern nur durch echtes in-Beziehung-sein.

Hier sieht Ele neue Gruppierungen, die bereit sind, ihre Freiheit für ein Geflecht starker Bindungen einzuschränken (z.B. gemeinschaftsgetragenes wirtschaften, Genossenschaften, Intentional Communities, Grassroots Initiatives, etc.).

 

Innere Haltungen für Kulturwandel

 

In ihren Kursen erlebt Ele, dass es vielen eine unangenehme Vorstellung ist, sich auf das Ungewisse einzulassen. 

Komplexität erfordert Resilienz und die zieht sich für Ele durch alle Ebenen: Diversität, Anpassungsfähigkeit, experimentelle Haltung, Lernfähigkeit und Flexibilität.

Dabei bedeutet Resilienz für sie nicht „toughen up“, sondern weich, durchlässig und beweglich zu werden. Sie entsteht durch unsere Lebenserfahrungen und kann kultiviert werden: in Gemeinschaft, im Teilen von Energie und Verantwortung – und folgt einemwiederkehrenden Muster von Yin und Yang.

Auch „Nichtwissen“ ist dabei ein zentral. Demut angesichts der Gewaltigkeit der Schöpfung und all der ihr innewohnenden Mächte. Egozentrierte Machtideen scheinen da wie jugendlicher Leichtsinn.

 

Ihre Vision für den Wandel: in Liebe und Wertschätzung

 

Auf die Frage nach ihrer Vision für den Wandel taucht zunächst ein Wort auf, das fast zu groß wirkt: Liebe.

Nicht als Konzept, sondern als Haltung.

 

Gefolgt von Wertschätzung für das, was war, das, was ist, und das, was sich entfalten will.

Und von dem Wunsch, der Natur Raum zu geben – der menschlichen wie der mehr-als-menschlichen.

Deshalb spielen Methoden für Ele eine untergeordnete Rolle. Was trägt, ist eine Praxis der Präsenz und Angebundenheit. Aus ihr heraus wachsen Werte organisch, nicht verordnet, sondern gelebt.

Ein Satz des Professors Andrew Metcalfe aus Australien begleitet sie dabei bis heute:

„Desire is focused on an object. Love is omnidirectional.“

mehr dazu hier im Artikel „Belonging: From identity logic to relational logic“

Oder anders: Ambition ist planvoll, gerichtet und manchmal notwendig, aber begrenzt.

Liebe hingegen breitet sich aus und schafft Verbindung, entsteht spontan und will andere auch wachsen sehen.

 

In ihrem eigenen Schaffensprozess hat diese Haltung immer wieder dazu geführt, Geplantes loszulassen, um den Moment und sein Potenzial zu ehren und um Raum für etwas anderes zu schaffen. Manchmal möchte sie auch Projekten ein End-Datum geben: Es bewusst dem Tod zu übergeben und zu sehen, was auf dem Kompost wächst. Mit Neugierde und spontaner Schöpferkraft anstatt Plan.

Räume wie das Reallabor Zukunft versteht Ele deshalb als besondere Trainingsräume: Orte, an denen Menschen üben können, mit offenen Prozessen umzugehen, ohne ins Ungewisse zu fallen. Hier geht es nicht um Planlosigkeit, sondern um das bewusste Zusammenspiel von Struktur und Offenheit.

Wandel wird hier nicht dem Zufall überlassen, sondern Schritt für Schritt im Jetzt erforscht – im Wechsel von Fokus und Loslassen, von Machen und Beobachten, von Strukturieren und Zuhören, und im stetigen Verfeinern eines guten Gespürs dafür, wann was dran ist. Und dafür, dass es solche Räume gibt, ist Ele sehr dankbar.

 

Über Ele Jansen

 

Ele Jansen, PhD, arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Anthropologie und Regeneration. Als Künstlerin, Forscherin und Facilitatorin navigiert sie die Welt über Muster, Mythos und Kunst. Ihre künstlerische Promotionsforschung zu Ko-Kreation bildet die Grundlage ihrer Arbeit. In ihrer Arbeit an Universitäten, wie der Leuphana, sowie eigenen Projekten, verbindet sie transformative Künste, Achtsamkeit und spielerische Ko-Kreation mit Lehre und Forschung.

 

www.linkedin.com/in/elejansen

www.deepcreation.co

www.leuphana.de